Hat
jemand dem Erbdrostenhof in Münster zu Weihnachten eine Konzertorgel
untern Baum gelegt? Wenn Alexander Matrosov bei seinem "Jungen Meister"-Konzert
Bach spielt, singen die Zungen wie aus hundert Pfeifen. Als säße
Glenn Gould an den Manualen. Farbig hüpfen die Stimmen selbst im
dichtesten polyphonen Gewirr durch die Register. Mit einem swingenden
Drive, der aus dem Thomaskantor den ersten Jazzer der Musik-geschichte
machen könnte und dabei so authentisch klingt, als hätte er
seine fünfte Englische Suite nie für ein anderes Instrument
geschrieben als das "Schifferklavier".
Vorsicht! Schifferklavier war gestern, heute kommt Alexander Matrosov!
Ganz so als wollte der junge Kasache von Anfang an jedes Missverständnis
aus dem Wege räumen, hob er sein Knopfakkordeon gleich vom Präludium
an auf den musikalischen Olymp. Mit einer derart irrwitzigen und hochmusikalischen
Vorführung seines oft so verkannten Instruments, die selbst den letzten
Zweifler Lügen strafte und die der Quetschkommode von einst so virtuos
den Garaus machte, dass selbst die überwiegend neutönende Kür
im Erbdrostenhof eine Chance hatte.
Mauricio Kagel zum Beispiel, hinter dessen "Episoden, Figuren"
Matrosov förmlich zu verschwinden schien. Mit jeder Faser seines
Körpers durchschritt er diese theatralischen, faszinierend versponnenen
Klanglandschaften im Niemandsland zwischen Orgel, Harmonium und Harmonika.
Von den ersten flirrenden Klängen bis zum diabolischen Schluss, bei
dem sein Instrument in derart abgründige Grabestiefen vordringt,
dass dem Spieler im wahrsten Sinne des Wortes das Lächeln gefriert.
Natürlich gibt der Folkwang-Schüler und GWK-Förderpreisträger
auch den virtuosen Entertainer, walzert sich in Schwindel erregende Knopf-zaubereien
oder jazzt sich durch ein russisches Folklore-Schmankerl. Und man ist
nur noch verblüfft über die atmende Flexibilität dieses
Instruments, die der Orgel so mühelos den Rang ablaufen könnte.
Erstaunt über seine weit gefächerte, im Detail so organische
und singende Polyphonie.
Wenn Matrosov dann aber mit Vladimir Zubitzkys "Partita concertante"
ganz tief in die Trick-kiste greift, schwerelos von einem schrillen Affekt
in den nächsten springt, in grellen Farbwechseln die ganze orchestrale
Palette seines Akkordeons durchmisst, stockt einem schier der Atem.
Markus Küper
Westfälische Nachrichten, 16.01.2007
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